"Jedes Säugetier, der Mensch inbegriffen, erlebt während der Geburt und gleich anschließend über intensiven Sinneskontakt mit seiner Mutter eine Prägung. Diese löst in der Mutter und im Neugeborenen Instinkte aus, die gegenseitige Erkennung, auf die natürlichen Bedürfnisse bezogenes Verhalten und damit gesundes Aufwachsen garantieren. Ist dieser Moment "das Imprinting" verpaßt, ist er nicht nachholbar und das soziale Verhalten ist gestört. Es bestimmt später wiederum das zukünftige Verhalten als Mutter oder Vater" --Willi Maurer

Ein Kommentar von Willi Maurer über das Imprinting:

"Seit 35 Jahren begleite ich Menschen mit Gefühls- und Körperarbeit und habe dadurch Einblick in hunderte von Lebensgeschichten, vor allem aber in die Auswirkungen der Mutter-Kind-Trennung nach der Geburt, und des Schreienlassens der Babys, im Bezug zum Beziehungsverhalten des Menschen, bekommen. Das Baby verliert die Eigenkompetenz und die Fähigkeit, seine wesentlichen Bedürfnisse zu kommunizieren, und dies hat später wiederum Konsequenzen in Liebesbeziehungen und, bei werdenden Müttern, dass sie nicht ihrer Intuition trauen, sondern sich Fachpersonal anvertrauen, die durch Kontrolle jegliches Risiko, das die Natur von selber bewältigen könnte, ausschalten wollen. Doch genau diese Kontrolle bedeutet subtilen Stress, der die hormonellen Vorgänge, die für einen natürlichen Geburtsablauf Voraussetzung sind, zum Stocken bringen. Und dann wird von Schmerz erzeugenden Wehenbeschleunigern und in der Folge von der Periduralanästhesie oder dem Kaiserschnitt Gebrauch gemacht.
Diese Medikalisierung hat zur Folge, dass das an die Geburt anschliessende Imprinting, der alle Sinne umfassende Hautkontakt zwischen der Mutter und dem Neugeborenen gestört und verunmöglicht ist.
Wir wissen dank den Forschungen von Konrad Lorenz mit Gänsen, welch primär prägende Bedeutung das Imprinting für das Bindungsverhalten hat.
Forschungen an Schafen zeigen noch etwas weit bedeutungsvolleres für uns Menschen auf:
Schafe die unter Anwendung der Periduralanästhesie oder des Kaiserschnitts gebären, verweigern den Kontakt zum Jungen. In der Folge, findet das überlebenswichtige Imprinting nicht statt. Als Konsequenz des verhinderten Imprinting erkennen sich das Junge und seine Mutter nicht als zugehörig und haben deshalb ein gegenseitig gestörtes Sozialverhalten. Dieses zeigt über Generationen hinweg Auswirkungen, denn erwachsen geworden, verweigern Mutterschafe, denen als Lämmchen das Imprinting verunmöglicht war, auch dann, wenn sie ohne Medikalisierung gebären, ihren frisch geborenen Jungen ebenfalls den das Leben erweckenden Kontakt. Ohne künstliche Ernährung durch den Menschen wären die verstoßenen Lämmchen dem Tod geweiht. Die künstliche Ernährung zementiert jedoch einen folgenschweren Teufelskreis in den nächsten Schafgenerationen.
Erfahrene Schafhirten greifen zu einem bewährten Trick um den Teufelskreis gar nicht erst entstehen zu lassen: Sie bestreuen das frisch geborene Lämmchen mit Salz und setzen es dem vorerst interesselosen Mutterschaf vor die Nase. So wird das Junge schlussendlich "artgerecht" geleckt. Dabei vollzieht sich für die Schafmutter und ihr Neugeborenes das Imprinting und damit die Rückfindung zu den natürlichen Pflegeinstinkten.
Nun kommen wir nicht umhin, uns zu fragen, wie das diesbezüglich beim Menschen sein könnte, der als Folge der in praktisch allen Kulturen verbreiteten, früher auch bei uns als normal geltenden Trennung von Mutter und Kind, oder der Verunmöglichung der Brusternährung, oder der Betäubung von Mutter und Kind bei einer medikalisierten Geburt, keine primäre Prägung durch das Imprinting erfahren hat.
Ich bin durch eigene Forschungen zur Gewissheit gelangt, dass eine der wesentlichsten Konsequenzen des nicht erfolgten Imprintings, im Verlust des Instinkts, das Baby am Körper zu tragen, zu erkennen ist. Und dass werdende Mütter diesen Instinkt – ähnlich wie die beschriebenen Mutterschafe – durch den ungestörten Hautkontakt mit ihrem Frischgeborenen, zurückgewinnen können.
Und dies vermag dem "Babyblues" und der postnatalen Depression, für die die Wissenschaft bis heute keine Erklärung hat, vorbeugen. Denn wenn Mütter (oder Väter) ihr Frischgeborenes Kind an ihren Körper nehmen, wird durch den innigen Haut- und Sinneskontakt, die Zellerinnerung aktiviert, Dann kann neben der Freude auch ein grosser, bisher verdrängt gelegener Schmerz aufwachen.Das dann, wenn Eltern ihrem Kind etwas geben, das sie bei ihrer eigenen Geburt selber nicht bekommen haben.
Wenn dieser überwältigende Schmerz nicht dank einer liebevollen Begleitung durch eine erfahrene Person (z.B. einer Doula oder eine Hebamme die Zeit dafür hat), Ausdruck finden kann oder darf, und der damit verbundene Trauer- und Integrationsprozess, nicht stattfinden kann, hat dies u.a. bei der Frau die postnatale Depression, und beim Mann eine insgeheime Eifersucht auf die Nähe zwischen Mutter und Kind, zur Folge.
Viele Rückmeldungen liessen in mir die Gewissheit entstehen, dass Eltern, die durch derartige Erfahrungen im hochsensiblen Zeitfenster des Imprinting ihre eigene Ankunft auf dieser Welt wiedererlebt haben und sie integrieren konnten, zum Einfühlungsvermögen in die wirklichen Bedürfnisse ihres Babys – auch in die eigenen – zurückgefunden haben. Das grösste Bedürfnis des Babys ist es, am Körper der Mutter oder des Vaters, z.B. im Tragetuch, bei all dem dabeizusein, was ihnen Freude macht."